Posthuman Flux, Galerie Spitzer/Odeon Theater (13-27.6.2019)

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Eva-Maria Kraft tanzt mit zwei humanoiden Robotern Modell Pepper. Tanzperformance “Ningyō-buri, Doppelgänger, cycle 7″ im Spitzer/Odeon Thearer Wien, Juni 2019 (Photography at this page by Victor Brazdil)

Tanz-Performance < Ningyō-buri> aus dem Doppelgänger Zyklus

Von/mit der transdisziplinären Forschungsgruppe H.A.U.S. (Humanoids in Architecture and Urban Spaces).

Roboter und künstliche Intelligenz sind angetreten immer mehr Teil unseres privaten, ja zunehmend auch unseres intimen Lebens zu werden. Ihre prominentesten Vertreter sind von künstlicher Intelligenz gesteuerte, menschenartige Roboter. Hier hat unsere Kultur zumindest zweierlei zu lernen: Den Umgang einer Technologie, die heute aus dem Bereich der der kulturellen Phantasmen in die Wirklichkeit unseres Alltags übergeht. Darüber hinaus, sind wir die erste Generation, die mit einer Technologie leben wird, die uns Menschen wie eine Kopie nachahmt. Welche Art von Beziehungen wollen wir mit diesen völlig neuen Technologien haben, und welche können wir überhaupt entwickeln?

Die Performance bezieht sich auf Bunraku, eine japanische Form von Puppentheater für Erwachsene und leichte Oper, im Zusammenklang mit einem Text des Literaten Jean Paul. Beide aus dem 18. Jahrhundert. In dieser Zeit hatten beide Kulturen eine beispiellose Obsession mit kunstvollen Verkörperungen des Menschen durch mechanische Mittel. Dies ermöglicht eine abstrakte Diskussion des Transhistorischen und des Transkulturellen dieser Technologien des Intimen und Privaten.

In der Performance werden die Ausdrucksmöglichkeiten eines humanoiden Roboters und die Bewegungsqualitäten einer Tänzerin konfrontiert. Die fragile Verbundenheit zwischen Mensch und Maschine stellt posthumane Aspekte zur Diskussion.

Der Status entweder Subjekt oder Objekt zu sein, kann heute nur vage zugeschrieben werden: Wer spielt, wer wird gespielt? Wer spiegelt wen? Wer kontrolliert wen?

Performance

Eva-Maria Kraft (Choreographie, Tanz), Sebastian Michael (Rezitativ), Thomas Jelinek (Dramaturgie), Rupert Huber (Komposition, Musik)

Roboter Programmierung

Helena Frijns, Clara Haider, Christoph Müller, Darja Stoeva

Diskurs Performance

Christoph Hubatschke

Sozialwissenschaftliche Begleitung und Auswertung

Christian Fiedler, Christoph Hubatschke, Marlene Kollmayer, Isabel Schwaninger

Kooperationen:

Zweiter Roboter Pepper und Programmierung von:
www.acin.tuwien.ac.at    
Bühnenbild von: bewegende Architektur-Manufaktur GesbR
www.bewegende-Architektur.com
 

Konzept, Produktion, künstlerische und wissenschaftliche Leitung

Oliver Schürer

Diskurs zu Robotik, KI und Forschung in Performance-Kunst
(von links nach rechts) Sebastian Michael, Helmut Ploebst, Margarete Jahrmann, Thomas Jelinek, Oliver Schürer, Christoph Hubatschke

Ermöglicht durch Förderung von

Posthuman Flux Diskurs (Christoph Hubatschke)

[M]y use of ‚posthumanism’ marks a refusal to take the distinction between ‚human’ and ‚nonhuman’ for granted, and to found analyses on this presumably fixed and inherent set of categories. Any such hardwiring precludes a genealogical investigation into the practices through which ‚humans’ and ‚nonhumans’ are delineated and differentially constituted. (Barad, 32)

Der kritische Posthumanismus versteht den Menschen nicht mehr als eine abgeschlossene Kategorie, als etwas also, das genau benannt werden kann, oder besser: das sich selbst benennen und damit sich selbst als etwas Besonderes ernennen kann. Das Verhältnis des sogenannten Menschen zu allen nichtmenschlichen AkteurenInnen ist weit komplexer und keinesfalls eine bloße Kategorisierungsfrage. Von den Millionen Bakterien, die unseren Körper überhaupt erst ermöglichen, über die unzählbaren Mengen an Tieren, von deren Kopräsenz wir abhängen, bis zu den unzähligen Objekten, die unser Leben bevölkern: immer schon sind wir in konstitutive Beziehungen und Prozessen mit nicht-menschlichen Akteuren eingebunden.

Humans, wherever you track them, are products of situated relationalities with organisms, tools, much else. We are quite a crowd, at all of our temporalities and materialities” (Haraway, 146).

Mit dem vermehrten Auftreten von humanoiden Robotern und Künstlichen Intelligenzen hat sich die Menge der nichtmenschlichen AkteurInnen nochmals vergrößert. Dabei liegt gerade diesen Technologien oftmals ein zutiefst humanistisches Bild zugrunde, also ein normiertes und gleichsam normierendes Menschenbild, das zwar imitiert werden soll (oftmals imitiert es dabei jedoch nur sexistische und rassistische Stereotypen), dabei jedoch genauso radikal erweitert und transzendiert werden kann. Anstatt diese humanistische, ja hyperhumanistische Tendenz im Stile eines Transhumanismus zu bejubeln, gilt es vielmehr eine posthumanistische Kritik zu formulieren. Kein Technikpessimismus, sondern ein unorthodoxes Experimentieren mit den Möglichkeiten dieser Technologien. Dabei will das posthumanistische Unterfangen von H.A.U.S. keine Antwort auf die Frage, was der Mensch ist geben, sondern vielmehr die Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen neu verstehen und damit andere Menschenbilder entstehen lassen. Keine Bestimmung also der Kategorie Mensch ist das Ziel, sondern vielmehr wird eine Vielzahl an Bedingungen für Möglichkeiten, was menschlich sein könnte diskutiert. Gerade in der Konfrontation mit vermeintlichen künstlichen Intelligenzen und menschlich-allzumenschlich designten Robotern, scheint mir daher ein posthumanistischer Zugang dringend notwendig.

„Nach dem Menschen [] vor dem Menschen, doch zwischen Endlichkeit und Erneuerung besteht die Möglichkeit des ganz ‚anderen’ Menschen. Dies ist die Ambiguität, die jedem Präfix ‚Post-’ innewohnt.” (Herbrechter, 19)

Die in dieser Ausstellung versammelten Werke versuchen daher weder nach dem genuin Menschlichen in humanoider Robotik oder Künstlicher Intelligenz zu suchen, noch sich bloß auf das Artifizielle, das technische Können und Möglichsein dieser Technologien zu konzentrieren, und auch versuchen sie nicht, das Gemeinsame dieser beiden Logiken, also den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Die Arbeiten von H.A.U.S. erkunden vielmehr die unbeachteten, weder in rein technischer Sprache noch in bloß humanistischer Logik erklärbaren Zwischenräume, die hybriden Begegnungszonen, die Aspekte des Zusammentreffens, kurz: die „posthuman condition“ (Braidotti). Die Arbeiten von H.A.U.S. laden also zu Interaktionen der verschiedensten Art ein, verschmelzen die unterschiedlichsten Technologien, künstlerischen Praktiken wie wissenschaftlichen Methoden zu Interaktionsmaschinen, die sich nie ganz erklären. Was durch das Interagieren mit der Maschine tatsächlich passiert ist, bleibt stets eine Ungewissheit. Wurden meine Eingaben wahrgenommen und wenn ja, wie wurden diese verarbeitet? Was hat sich im Gegenzug bei mir verändert? Hat nur die Maschine etwas gelernt? Aufgabe der Arbeiten ist nicht, auf solche Fragen eindeutige Antworten zu geben, sondern vielmehr zum Experimentieren mit den Maschinen und der Beobachtung der eigenen Interaktion mit Maschinen allgemein anzuregen. Sie öffnen auch gleichsam unvorhersehbare wie praktische Perspektiven auf Technologieentwicklungen, wie sie von den Industrien aufgrund proprietärerer Interessen nicht gesehen werden können oder wollen. So können die hybriden Zwischenräume, die Vieldeutigkeiten und Deutungsgrenzen dieser neuen Technologien hinterfragt und dadurch vielleicht auch die eigene Position reflektiert und transponiert werden.

„Das am meisten belastende Erbe, das uns aus dem 19. Jahrhundert zufällt – und es ist höchste Zeit, uns dessen zu entledigen –, ist der Humanismus…“

(Foucault, 63)

In wissenschaftlich-philosophisch-künstlerischer Auseinandersetzung mit diesen Technologien gilt es nicht, sich auf die vermeintliche Black Box AI oder die bloß humanoide Chassis zurückzuziehen, sondern diese kritisch zu hinterfragen und zu öffnen. Der französische Philosoph Gilles Deleuze beschrieb einst zwei sehr verschiedene Arten, sich einem Buch zu nähern, zwei Zugänge, die für mich auch in der Arbeit mit technischen Objekten/AkteurInnen relevant zu sein scheinen: Einerseits „betrachtet man es als eine Schachtel, die auf ein Innen verweist, und man wird seine Signifikante suchen“. Man bleibt also in der Logik des technologischen Objekts, versucht eine Kritik, eine Veränderung nur innerhalb dieser Logik, „man kommentiert, interpretiert, fragt nach Erklärungen, man schreibt – ad infinitum – das Buch des Buches.“ Oder aber man betrachtet das technische Objekt „wie eine asignifikante Maschine; das einzige Problem ist ‚funktioniert es, und wie funktioniert es?‘ Wie funktioniert es für euch“ (Deleuze, 18). Eine transdiziplinäre Forschungsgruppe wie H.A.U.S. arbeitet per definitionem mit beiden Zugängen, versucht zu erklären und zu kontextualisieren, versucht auf technischen Kongressen philosophisch zu argumentieren und auf philosophischen Konferenzen technisch, versucht die Technologien, mit denen sie arbeitet besser zu verstehen und zu kritisieren. In den hier versammelten Arbeiten konzentrieren wir uns jedoch mehr auf die zweite Zugangsart. Hier fragen wir: wie funktioniert es für uns, was können wir damit machen? Wie können wir es neu zusammensetzen und mit was? Wir versuchen zu „experimentieren […] es mit anderen Dingen, egal welchen, funktionieren lassen“ (Deleuze, 19). Das technologische Objekt ist hier nur ein Rädchen in einer größeren Maschinerie, es gilt die ach so viel diskutierten und in jedem Feuilleton kritisierten Technologien neu zu verdrahten, in ungewohnte Maschinerien einzusetzen.

In diesem Sinne sind die hier versammelten Arbeiten „posthuman flux“, weil sie Experimente von neuen, ungewohnten und vielleicht nicht immer ineinandergreifenden Zusammenschlüssen sind. Weil sie die humanistische Hybris hinterfragen: wer ist die Schöpferin, wer imitiert wen, wer tanzt mit wem, wer schreibt eigentlich den Text, wer definiert den Raum? All diese Fragen müssen in ihrer Radikalität gestellt werden, nicht weil der Mensch von einem technischen Imitat ersetzt zu werden droht, sondern weil nichtmenschliche AkteurInnen immer schon mitten unter uns waren, weil wir, wie Katherine Hayles schon Ende der 90er Jahre feststellte, „bereits posthuman geworden sind“ und jegliche unserer Relationen zur Welt neu zu denken, neu mit Sinn auszustatten sind.

Bibliographie:

Barad, Karen (2007): Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning, Durham: Duke University Press.

Braidotti, Rosi (2013): The Posthuman, Cambridge/Malden: Polity Press.

Deleuze, Gilles (1993): „Brief an einen strengen Kritiker“, In: ders.: Unterhandlungen. 1972 – 1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 11–24.

Foucault, Michel (1967 [1966]): Absage an Sartre. Interview von Madeleine Chapsal, In: Brenner, Hildegard (Hrsg.): alternative. Zeitschrift für Literatur und Diskussion, Heft 54, 10. Jahrgang, Berlin: Alernative Verlag, S. 91–95.

Haraway, Donna J. (2006): When we have never been human, what is to be done?: Interview with Donna Haraway (with Nicholas Gane), In: Theory, Culture and Society, 23 (7–8), S. 135–158.

Hayles, Katherine (1999): How we became Posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and Informatics. Chicago: The University of Chicago Press. Herbrechter, Stefan (2009): Posthumanismus. Eine kritische Einführung, Darmstadt: WBG.